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Fütterung8 Min. Lesezeit

Nährstoffbedarf berechnen – die Formeln dahinter

Warum der Bedarf mit dem metabolischen Körpergewicht skaliert, wie sich Energie-, Protein- und Mineralbedarf zusammensetzen – und warum die entscheidenden Konstanten aus Tabellen kommen müssen, nicht aus dem Bauch.

„Wie viel braucht mein Pferd?“ lässt sich nicht mit einer Zahl pro Kilogramm beantworten. Der Stoffwechsel skaliert nicht linear mit der Körpermasse: Ein 600-kg-Pferd braucht nicht doppelt so viel wie ein 300-kg-Pony. Deshalb rechnet die Bedarfsermittlung mit dem metabolischen Körpergewicht 12.

Dieser Artikel erklärt die Rechenlogik dahinter. Er ist bewusst kein Ersatz für eine Bedarfstabelle und keine fertige Rationsberechnung – wohl aber die Landkarte, mit der sich beides einordnen lässt.

Energie: Erhaltung plus Zuschläge

Der Energiebedarf wird im deutschsprachigen Raum in Megajoule umsetzbarer Energie (MJ ME) angegeben. Er setzt sich additiv zusammen: Erhaltungsbedarf plus Zuschläge für Arbeit, Wachstum, Trächtigkeit, Laktation und – bei ungünstigen Bedingungen – Thermoregulation 13.

Der Erhaltungsbedarf folgt der Form ME = k × KM⁰′⁷⁵. Entscheidend ist, dass der Faktor k nicht für alle Pferde gleich ist: Die GfE differenziert nach Typ und Temperament 1.

PferdetypFaktor k (MJ ME je kg KM⁰′⁷⁵)Beispiel Erhaltungsbedarf
Pony0,40300 kg → rund 29 MJ ME/Tag
Warmblut0,52500 kg → rund 55 MJ ME/Tag
Vollblut0,64500 kg → rund 68 MJ ME/Tag

Erhaltungsbedarf nach GfE (2014); Beispielwerte gerundet 14.

Ein ruhiges Warmblut mit 500 kg liegt also bei etwa 55 MJ ME pro Tag, bevor überhaupt gearbeitet wird. Arbeitszuschläge werden in der Praxis nicht frei geschätzt, sondern als tabellierte Werte je Belastungsstufe addiert 41.

Protein: pcvXP statt Rohprotein

Seit den GfE-Empfehlungen wird Protein beim Pferd nicht mehr als bloßes Rohprotein bewertet, sondern als präcaecal verdauliches Rohprotein (pcvXP) – also der Anteil, der vor dem Dickdarm tatsächlich als Aminosäure verfügbar wird. Was erst im Dickdarm mikrobiell abgebaut wird, steht dem Pferd als Aminosäurequelle kaum noch zur Verfügung 12.

Auch hier gilt die Struktur „Erhaltung plus Zuschläge“: pcvXP-Bedarf = Erhaltung + Arbeit + Wachstum/Trächtigkeit/Laktation. Die Konstanten stammen aus den Bedarfstabellen 4.

  • Energie-Eiweiß-Verhältnis (EEV) = g pcvXP je MJ ME – eine schnelle Plausibilitätsprüfung der Ration.
  • Ein zu enges EEV deutet auf Proteinmangel, ein zu weites auf unnötigen Proteinüberschuss hin.
  • Überschüssiges Protein wird nicht gespeichert, sondern belastet Stickstoffausscheidung und Stallklima 2.

Mengen- und Spurenelemente: hier lauern die Rechenfehler

Für Calcium, Phosphor, Magnesium, Natrium und die Spurenelemente gibt es keine allgemeingültige Kurzformel, die man sich merken könnte. Die Werte sind tabelliert – nach Lebensphase, Gewicht und Leistung 134.

Ein verbreiteter Fehler: Bedarfstabellen unterscheiden zwischen dem Netto-Bedarf (was das Pferd tatsächlich einlagert) und dem Bedarf im Futter, der die Absorptionsrate berücksichtigt. Beide Zahlen unterscheiden sich deutlich. Wer eine im Netz gefundene Konstante ungeprüft mit dem Körpergewicht multipliziert, rechnet den Bedarf schnell massiv falsch 12.

Das Ca:P-Verhältnis

Bei Calcium und Phosphor zählt nicht nur die Menge, sondern das Verhältnis zueinander. Ein Phosphorüberschuss stört die Calciumaufnahme – deshalb hat das Verhältnis eine untere Grenze, die nicht unterschritten werden sollte 13.

KennzahlOrientierung
Ca:P-Zielbereich (adulte Pferde)etwa 1,5:1 bis 2:1 31
Untere Grenze1:1 – Phosphorüberschuss vermeiden 1
Junge, wachsende PferdeVerhältnis besonders sorgfältig prüfen 3

Das Verhältnis gilt für die Gesamtration – nicht für ein einzelnes Produkt.

Rechenbausteine für die Ration

Steht der Bedarf, wird das Angebot der Ration dagegengerechnet. Dafür braucht es drei einfache, aber unverzichtbare Bausteine 56:

  • Summenbildung: Nährstoff der Ration = Summe aus (Futtermenge × Gehalt) über alle Komponenten.
  • Trockensubstanz und Frischmasse: Analysewerte beziehen sich meist auf die Trockensubstanz – Frischmenge = TS-Menge geteilt durch den TS-Anteil. Wer das überspringt, verrechnet sich um zweistellige Prozentwerte 6.
  • Deckungsgrad = Angebot geteilt durch Bedarf, mal 100. Werte deutlich unter 100 % zeigen Lücken, Werte deutlich darüber eine Überversorgung.

Was die Rechnung nicht leisten kann

  • Sie ersetzt keine Beurteilung des Körperzustands – Bedarf und tatsächlicher Verbrauch weichen individuell ab 7.
  • Sie ersetzt keine tierärztliche Abklärung bei Erkrankungen oder auffälligem Gewichtsverlauf.
  • Sie liefert keine Produktempfehlung: Ob eine Lücke über Mineralfutter, ein anderes Raufutter oder eine Rationsumstellung geschlossen wird, ist eine fachliche Entscheidung 2.

Quellen & Studien

Hochgestellte Zahlen im Text verweisen auf diese Belege. Sie ersetzen keine individuelle tierärztliche oder fütterungsfachliche Beratung.

  1. 1.GfE (2014) – Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von PferdenFachreferenz im deutschsprachigen Raum (Gesellschaft für Ernährungsphysiologie), Ausschuss für Bedarfsnormen
  2. 2.Coenen M, Vervuert I: Pferdefütterung, 6. Aufl. (begründet von Meyer & Coenen)Standardreferenzwerk der Pferdeernährung im deutschsprachigen Raum (Thieme)
  3. 3.NRC – Nutrient Requirements of Horses, 6th ed.Internationale Referenz für Nährstoffbedarfe von Pferden (National Research Council)
  4. 4.Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL): Gruber Tabelle zur PferdefütterungPraxis-Referenztabelle mit Bedarfs- und Futterwerten auf Basis der GfE-Empfehlungen; Grundlage vieler Rationsberechnungen im deutschsprachigen Raum
  5. 5.Prof. Dr. Annette Zeyner – Martin-Luther-Universität Halle-WittenbergForschung zu Darmmikrobiota älterer Pferde und Leguminosen (Luzerne); „Kompendium zur Rationsberechnung für Pferde“ (2023)
  6. 6.Weender Futtermittelanalyse (Weender Analysensystem)Standardverfahren zur Bestimmung von Rohnährstoffen (Rohprotein, Rohfaser, Rohfett, Rohasche) als Basis von Futter- und Heuanalysen
  7. 7.Henneke Body Condition Scoring SystemKörperzustandsskala 1–9 bei Pferden